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Wissenswertes über Süßwasserperlen aus Japan.

Seit Jahrhunderten dürften Perlen in japanischen Seen gefunden worden sein, dabei kam dem Biwa-See eine besondere Bedeutung zu. Im ältesten Verswerk Japans, dem Manyyoshu, steht im 11. Band ein Satz, der auf den Biwa-See bezogen werden kann: 'Tief unten liegt ein weißes Juwel im Teich, weiterwachsend und größer werdend, einer verlorenen Liebe gleich.'

Der Autor ist unbekannt, möglicherweise handelt es sich um den Dichter Hitomaro Kakinomotono. Die ersten Versuche zur Zucht von Schalenperlen nach chinesischem Vorbild gehen wahrscheinlich auf das 12. oder 13. Jahrhundert zurück. Zwischen 1901 und 1903 soll es Experimente gegeben haben, erst 1912 erfolgte der erste nachweisbare Versuch durch einen gewissen Watase, der sowohl von Mikimoto als auch vom damaligen Gouverneur der Provinz Shiga unterstützt wurde. In den Protokollen der Präfektoralversammlung ist der Bericht darüber erhalten geblieben. 1915 wurden die ersten Zuchtperlen aus dem Biwa-See zusammen mit den Schalen der Perlmuschel auf einer Ausstellung in Tokio gezeigt.

Dr. Masao Fujita gilt als der eigentliche Begründer der Süßwasserperlenzucht in Japan. Zusammen mit seinem Bruder Sukeyo war Fujita Schüler und Mitarbeiter vom Nishikawa gewesen, nach 1916 hatten beide für Mikimoto gearbeitet. Es kam zu einem Zerwürfnis und Masao Fujita wechselte 1924 zur Versuchsstation der Universität Kyoto in Otsu am Biwa-See über, deren Direktor Tamiji Karamura ein alter Freund von ihm war. Im April 1924 wurden 400 Muscheln operiert, und im August 1925 konnten 32 barocke, farbige Perlen geerntet werden, am 01.12.1925 berichtete sogar die Osaka Daily News darüber. Fujitas damalige Methode ist bis heute nicht bekannt geworden, man weiß nur, dass ein Perlmuttkern und ein Gewebeteilchen in Anlehnung an das Mise-Nishikawa-Verfahren in die Eingeweide der Muschel eingepflanzt wurden.

Im August 1924 nahm eine zweite Versuchsstation im Hirako-Reservoir, in der Nähe des heutigen Ortes Shinacho bei Kasutsu City, ihre Arbeit auf, die Perlen wurden im April 1926 geerntet. Toranosuke Yoshida, ein Kommunalpolitker aus der Gegend, zeigte Interesse an dem Projekt, und im Juni 1927 wurde er Präsident der 'Freshwater Pearl Research Association', an der 15 Personen beteiligt waren, das Geld kam von einem Restaurantbesitzer in Otsu. Fujita blieb technischer Berater und die neuen barocken und farbigen Perlen erregten bald beträchtliches Aufsehen, aber der japanische Markt, der von Mikimoto beherrscht wurde, reagierte zurückhaltend.

Fujita zeigte die Perlen auf Ausstellungen in verschiedenen Ländern und begann 1930 mit dem Export der 'Fujita Rose Pearls' nach Indien, Frankreich, England und China. Ein großer wirtschaftlicher Erfolg war ihm nicht beschieden. Die Verbindung zu den indischen Händlern erwie sich als vorteilhaft, weil die Perlen wie Naturperlen aussahen und als solche in den Persischen Golf weiterverkauft werden konnten. Diese Tatsache blieb in Japan jahrzehntelang unbekannt, auch wusste kaum jemand, das Fujita selbst hinter der Vermarktung stand. 1935 begann ein regelämäßiger Verkauf an einen französischen Händler. Im gleichen Jahr geriet das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten und wurde dank der Unterstützung von Mikimoto in die Freshwater Pearl Culture Company Ltd. Umgewandelt, die ein Jahr später den Namen Lake Biwa Pearl Company Ltd. Erhielt. Der neue Präsident war gleichzeitig Präsident der Schifffahrtsgesellschaft vom Biwa-See, Fujita blieb der technische Direktor. 1936 gab es 5 Ernten, 1937 wurden 6.488 Perlen geerntet – dieser Aufwärtstrend hielt bis zum Kriegsausbruch 1941 an. Fast alle Perlen wurden jetzt durch Mikimotos Laden in Tokio verkauft. Mikimoto selbst hatte 1936 ein Patent für die Herstellung von kernlosen Perlen erhalten, dabei wurde eine dünne Paste eingeimpft, die aus einer Mischung von gepulverter Muschelschale, Mantelepithelzellen und Meerwasser bestand. Das Patent kam nie zur praktischen Anwendung , es mag ursprünglich für Pinctada martensii gedacht gewesen sein.

In Shanghai unterhielt Fujita eine Niederlassung, die unter dem Schutz des japanischen Militärs stand, sie knüofte die Kontakte zu den großen Handelshäusern im Ausländerviertel. Fujita hielt sich bei Ausbruch des Krieges in Shanghai auf und eilte sofort nach Japan zurück, um noch rechtzeitig den Restbestand seiner Perlen nach Indien und Frankreich verkaufen zu können.

Die Produktion der sog. kernlosen Zuchtperlen, die dem Biwa-See für etwa 40 Jahre weltweit zur Berühmtheit verhelfen sollten, fällt erst in die Nachkriegszeit. Fujita hatte schon erkannt, dass zufällig eingepflanztes oder oder nach dem Ausstoßen des Kernsin der Muschel verbliebenes Manthelepithel zum Wachstum einer Perle führt. 1936 hatte er darüber hinaus kleine Mengen kernloser Perlen in operierten Muscheln gefunden, die er 'karso' oder 'keshi' nannte und deren Entstehung er mit der Streuung eingeimpfter Mantelepitelzellen in Verbindung gebracht hatte. Möglicherweise handelte es sich in Wirklichkeit bereits um Probezüchtungen, die kleinen Perlen wurden damals im Laden von Mikimoto und anderen Geschäften in Tokio verkauft.

In den späten Dreißigern unternahm Seiichiro Uda eine Reihe von Versuchen, bei denen er ausschließlich winzige Teilchen von Mantelgewebe einpflanzte. Im August 1946, während noch chaotische Nachkriegsverhältnisse herrschten, kaufte Uda die Überreste der Lake Biwa Pearl Company und gründete seine eigene Shinko Pearl Company Ltd. In den frühen Fünfzigern wurde Udas Verfahren durch Fujita perfektioniert, der auch herausfand, dass mehrere Perlen auf einmal gezüchtet werden können und das mehrere Zuchtvorgänge möglich sind. Hinter dieser Entdeckung stand die Notwendigkeit, mit dem vorhandenen Muschelbestand vorsichtig umzugehen. Das Verfahren wurde am Biwa-See zunächst wie ein Staatsgeheimnis gehütet, aber in den sechziger Jahren gelangten Einzelheiten an die Öffentlichkeit.

Mitte der fünfziger Jahre gab es bereits sechs neue Farmen. Die Aufbruchstimmung der Zeit läßt sich daran erkennen, das selbst ein Philosoph aus Kyoto und ein Politker aus Kobe in die Farmen investierten (es handelte sich um Gyokuryo Sakai bzw. Chojiro Choshi). Uda wurde Präsident der ersten Genossenschaft , der Shigaken Fresh-Water Pearl Fishery Association, 1962 gehörten ihr bereits 39 Mitglieder an, daneben gab es etwa 30 weitere Farmer. Die ersten Perlen waren von länglicher, barocker Form, die durchschnittliche Größe lag im Bereich von unter 5 mm. Die Perlen wurden an Ort und Stelle zu Ketten verarbeitet, die zunächst an die Besatzungsmacht und dann für etwas zehn bis zwölf Jahre in Form von kurzen 1-Momme-Strängen nach Indien gingen. Von Indien aus fanden die Perlen, entsprechend der Vorgängerproduktion aus den dreißiger Jahren, im Persischen Golf einen aufnahmebereiten Markt. Erst Ende der fünfziger Jahre kam in Indien der Verdacht auf, dass die Perlen gezüchtet sein könnten. Nach einer Bestätigung durch Röntgenuntersuchungen ging die Nachfrage in Indien zurück, und der Markt brach weitgehend zusammen.

Erst 1962/6 erschienen der Perlen auf dem europäischen und amerikanischen Markt, vorher waren sie nur vereinzelt z. B. in London aufgetaucht, der erste gemmologische Untersuchungsbericht stammt von 1958. Die Japaner mussten jetzt die Flucht nach vorne antreten und die Perlen als das deklarieren, was sie waren. Später wurde von japanischer Seite angeführt, dass die Ausfuhr unter falscher Bezeichnung lediglich der Umgehung des hohen indischen Einfuhrzolls auf Zuchtperlen gedient hatte.

Die Biwako-Perlen (jap. 'ko' = See) wie man sie zunächst nannte, wurden schnell bekannt. Die Biwa-Züchter beauftragten ein New Yorker Unternehmen mit der Vermarktung der Perlen, die sie 'non-nucleated cultured pearls' nannten, etwa zur gleichen Zeit kam in Deutschland der Ausdruck 'kernlose Zuchtperle' auf. Er ist in den deutschsprachigen Ländern bis heute beibehalten worden. Die Amerikaner gingen dagegen schnell dazu über von 'tissue-nucleated cultured pearls', als von 'Zuchtperlen mit Gewebekern' zu sprechen. In Wirklichkeit ist aber kein Gewebekern vorhanden, durch den Operationsvorgang wird lediglich die Bildung eines Perlsacks künstlich hervorgerufen.

Umgangssprachlich bürgerte sich bald auf der ganzen Welt der Ausdruck 'Biwa-Perlen' ein, gegen diese Bezeichnung ist solange nichts einzuwenden, wie sie nicht im offiziellen geschäftlichen Verkehr verwendet wird.

Bis 1962 waren insgesamt maximal 500 Kan (1.875 Kilogramm) produziert worden. In den beiden folgenden Jahrzehnten stieg die Produktion sprunghaft an und erreichte 1974 mit fast 7 Tonnen den Höchststand. Die Perlen waren in den Siebzigern ungeheuer Populär, sie passten gut zu der Aufbruchsstimmung und der unkonventionellen Mode der Zeit, und sie inspirierten Goldschmiede und Designer zu fantasievollen Schmuckstücken, die sich wohltuend vom herkömmlichen, konservativen Perlenschmuck abhoben. Insgesamt wurde in etwa 30 Länder exportiert, Indien, Amerika und die Schweiz standen dabei an erster Stelle. Bis Ende der Siebziger stieg der Anteil an Süßwasserperlen am japanischen Zuchtperlenexport auf bis zu 30 Prozent an.

Die für den Export bestimmten Perlen durchliefen die Kontrolle der Perleninspektionsbüros und wurden damit in die Statistiken der Japan Pearl Exporters' Association mit aufgenommen. Die Zahlen vermitteln wahrscheinlich kein genaues Bild der Wirklichkeit, weil seit Mitte der Siebziger bereis beachtliche Mengen an chinesischen Süßwasserzuchtperlen hinzukamen, die nach der Aufbereitung in Japan als 'Products of Japan' reexportiert wurden. Zum anderen wurden Perlen vom Biwa-See auch direkt ins Ausland verkauft. Der traditionelle japanische Markt lehnte die Perlen lange Zeit ab und die Züchter vom Biwa-See nahmen schon wie zu Zeiten Fujitas eine Außenseiterrolle ein. Trotzdem lief der größte Teil der Exporte über die etablierten japanischen Großhändler, die in Bezug auf die Qualität anspruchsvoll waren.

Nach 1974 begann die Produktion zurückzugehen, sie wurde aber durch die Importe aus China aufgefangen, deren Steigerungsrate zwischen 1974 und 1979 runde 2.006 Prozent betrug. Die chinesischen Süsswasserzuchtperlen nahmen 1980 bereits einen Anteil von mehr als 60 Prozent am allgemeinen japanischen Export von Süßwasserzuchtperlen ein. Es gab damals nur geringe Preisunterschiede zwischen chinesischen und japanischen Perlen, die sich auf unterschiedliche Qualitäten und nicht auf den Ursprungsort bezogen. Im Großen und Ganzen überschnitten die Preise sich. Nur erfahrene Perlenhändler konnten die chinesischen Perlen unterscheiden – die meisten verließen sich damals auf die Angaben der Exporteure.

In der ersten Jahreshälfte 1980 trat am Biwa-See eine starke Preiserhöhung ein, der Durchschnittspreis pro Momme stieg auf 13,21 US-Dollar, während er 1979 noch durchschnittlich 8,36 US-Dollar betragen hatte. Auf einzelne Qualitäten bezogen lagen die Preiserhöhungen im Bereich von 70 bis 80 Prozent, die Perlen hatten jetzt den Gipfel ihrer Beliebtheit erreicht. Nach 1980 ging die Perlenernte Jahr für Jahr in Menge und Qualität zurück, obwohl die Nachfrage stieg und die hohen Preise blieben. 1984 gab es noch 73 Farmen, auf denen insgesamt etwas 8,2 Millionen operierter Muscheln gehalten wurden, der Anteil an Jungmuscheln betrug 3,2 Millionen.

1985 erhob die japanische Regierung gegen 60 Farmer aus dem Biwa-See eine Anklage wegen Steuerhinterziehung und fast gleichzeitig teilte die Japan Pearl Exporters' Association der Weltöffentlichkeit mit, dass die Produktion am Biwa-See zum Stillstand gekommen sei. Dies traf zwar nicht zu, aber das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde jetzt sichtbar, die Züchter hatten in Wirklichkeit schon seit Jahren mit zuvielen Problemen zu kämpfen gehabt. An erster Stelle stand die Wasserverschmutzung, die durch Düngechemikalien und Pestizide aus der Landwirtschaft verursacht worden waren, schon 1983 hatte es deswegen hohe Sterberaten gegeben. Hinzu kam die Überlegung der Farmen und die zunehmende Konkurrenz von Fischfarmen, die an der knapp bemessenen Wasserfläche ihren Anteil haben wollten. Darüber hinaus hatte der Wasserspiegel des Sees sich aufgrund der Regulierung durch Kraftwerke um ein bis zwei Meter gesenkt, denn in der Zwischenzeit war der See zum Wasserlieferanten für etwa 13 Millionen Anwohner geworden.

1984 beträgt die Jahresproduktion nur noch 5 Tonnen und 1985 ist der südliche Teil des Sees ausgetrocknet, obwohl das Wasser für die Industrie und die Haushalte rationiert worden war. Die großen Regenfälle, die sonst jedes Jahr zwei- bis dreimal auftreten, waren über mehrere Jahre hinweg ausgeblieben. 1988 hatte die Sterberate 60 bis 70 Prozent erreicht und man rechnete schon damit, dass die Produktion 1989 endgültig zum Erliegen komme. Die Agonie sollte noch bis in die frühen Neunziger andauern. Die Branchenöffentlichkeit nahm den Niedergang am Biwa-See erst kaum zur Kenntnis, weil der weltweite Markt noch genügend Biwa-Perlen von guter Qualität aufwies. In Wirklichkeit handelte es sich schon weitgehend um Süßwasserzuchtperlen aus China, die der Handel auch noch zu allem Überfluss 'chinesische Biwas' nannte.

Zunächst hatte man geglaubt, die chinesischen Perlen durch den Weg über Japan unter Kontrolle halten zu können. Anfang der Achtziger hatte China sich von der japanischen Marktkontrolle losgesagt und schon kurz darauf hatten kolossale Mengen an chinesischen Süßwasserzuchtperlen den Markt überrollt. Innerhalb weniger Jahre erreichte das Qualitäts- und Preisniveau einen Tiefstand, der für die Biwa-Industrie tödlich sein sollte. Im Frühjahr 1990 konnte der Biwa-See nur noch niedrige Qualitäten anbieten, deren Preise aber im Vergleich zu dem chinesischen Überangebot viel zu hoch waren. Der Verkauf stagnierte, 1993 betrug die Produktion nur noch 39 Kilogramm, seither gilt sie als erloschen. Erst als der Niedergang unaufhaltsam war, wurden die Perlen in Japan populär, sie traten jetzt z. B. In prestigeträchtigen Schmuckwettbewerben auf. In der Zwischenzeit haben sich vor allem großen Einzelperlen auf dem japanischen und internationalen Markt zu gesuchten Raritäten entwickelt. In Kobe gibt es bis heute immer noch Firmen mit alten Lagerbeständen, das Gleiche trifft auf namhafte Perlenhändler in der ganzen Welt zu. Da es keine neue Produktion mehr gibt sind die Preise für die noch verbliebenen Perlen hoch und ausgesuchte Exemplare werden bereits auf internationalen Schmuckauktionen angeboten. Die Preise für die großen Fantasieperlen, die zwischen 10 und 50 Karat wiegen, liegen heute im Bereich von einigen hundert bis einigen tausend Euro pro Perle, das Gleiche trifft auf schöne Biwa-Perlen mit Kern zu.

(Quelle: Elisabeth Strack "Perlen" 2001)